Die Ärztin und der Maler

Am 15. Dezember des Jahres 1880 kam in Berlin Hedwig Danielewicz zur Welt. 

Hedwig Danielewicz verbrachte Kindheit und Jugend als Tochter des aus der Nähe von Posen in die Reichshauptstadt zugewanderten jüdischen Kaufmanns Michaelis Danielewicz, wurde im Laufe eines langjährigen Schulbesuchs mit den historischen Grundlagen abendländischer Kultur vertraut und erreichte den gesellschaftlichen Aufstieg aus mittellosen Verhältnissen in eine gehobene Schicht des wohlhabenden Bürgertums. 

In Obersdorf im Siegerland, einem kleinen, entlegenen Ort im südlichsten Westfalen, wurde am 29. Januar 1879 Johannes Gustav Jung, genannt Karl Jung, geboren. 

Karl Jung war das älteste von acht Kindern des Fuhrmanns und Berginvaliden Johannes Heinrich Jung; eine streng katholische, von Bergbau und karger Landwirtschaft bestimmte Umwelt prägte die ersten drei Jahrzehnte seines Lebens. 

Karl Jung und Hedwig Danielewicz begegneten sich im Jahre 1912; sie heirateten im Jahre 1916. Sicherlich nicht zuletzt auf Grund der tiefgreifenden Unterschiede in ihrer Herkunft, dann aber auch ausgelöst durch übergreifende Ereignisse und Entwicklungen, mündete die weitere Lebensgeschichte dieser beiden Menschen in ein stilles Drama, dessen gesellschaftliche Voraussetzungen erst im 20. Jahrhundert gegeben waren und das seinen besonderen Lauf allein in Deutschland nehmen konnte. Es war dies ein Drama, das in der heutigen Rückschau wertvollste zwischenmenschliche Gefühle und Verhaltensweisen ebenso widerspiegelt wie deren tiefste Abgründe, und das in seiner Tragik eine Aussage enthält, die das persönliche Schicksal der unmittelbar Beteiligten überdauert.